Yoshihiro Tatsumi ist tot

Gegen den StromDer bekannte Mangaka Yoshihiro Tatsumi ist am 7. März im Alter von 79 Jahren an Krebs verstorben.

Schon in jungen Jahren erwies sich Tatsumi als begnadeter Mangaka. Im Alter von 21 rief er zusammen mit anderen Künstlern das Magazin „Kage“ ins Leben und begründete in Japan die Gattung der „Gekiga“, dem Manga Equivalent einer Grafiknovelle.

Tatsumi zeigte in seinen Geschichten oft ein eher düsteres Japan mit Momentaufnahmen aus dem japanischen Alltag und dem Schicksal normaler Menschen.

Zu seinem bekanntesten Werk gehört der von 1995 bis 2006  erschienene Manga „Gegen den Strom„, welcher autobiografische Züge enthält.

Quelle: Comicforum.de

 

Geliebter Affe und andere Offenbarungen

Name: Geliebter Affe und andere Offenbarungen
Englischer Name:
Originaltitel: Kuroi Fubuki
Herausgebracht: Japan: Daihakken 2003
Deutschland: Carlsen 2013
Mangaka: Yoshihiro Tatsumi
Bände: Einzelband
Preis pro Band: 19,90 €

Geliebter Affe und andere OffenbarungenStory
„Geliebter Affe und andere Offenbarungen“ ist eine Sammlung 13 verschiedener Kurzgeschichten, in denen unterschiedliche Menschen vor einem Wendepunkt oder vor einer schweren Entscheidung stehen.

Beispielsweise steht Saburo Hanayama kurz vor seiner Rente. Eigentlich könnte er sich auf ein ruhiges und entspanntes Rentnerleben freuen, aber dem ist leider nicht so. Seine Familie beschäftigt sich ausschließlich mit der Berechnung seiner Altersvorsorge und dessen Verwendungszweck. Er selber wird darin aber nicht involviert. Und auch die letzten Arbeitstage fallen ihm sichtlich schwer. Niemand scheint ihn noch zu brauchen. Alle wenden sich bereits vertrauensvoll an den neuen Abteilungsleiter. Nur Fräulein Okawa, die von Saburo ins geheim angehimmelt und verehrt wird, scheint als einzige noch zu ihm zu halten. Saburo wird sich langsam bewusst, dass er alt geworden ist. Doch er beschließt, dem Verfall der Zeit entgegen zu wirken und seiner habgierigen Familie einen Strich durch die Rechnung zu machen. Saburo will seine Würde als Mann zurück. Er beschließt all das Geld seiner Rente für Frauen und Pferderennen auf den Kopf zu hauen!

Eine weitere Geschichte handelt von Shimokawa, dem Berufszeichner. Als die Verkaufszahlen immer mehr in den Keller rutschen, wird sein momentanes Projekt, Bilderbücher für Kinder zu entwerfen, jedoch kurzerhand ab gesägt. Nach dieser schlechten Nachricht und der drohenden Arbeitslosigkeit wandert Shimokawa verzweifelt durch die Straßen. Sein einziger Zufluchtsort ist eine kleine, verdreckte, öffentliche Toilette, die eher einem Plumpsklo ähnelt. Die obszönen Kritzeleien nackter Frauen, die die Wänden verzieren, versprühen für Shimokawa einen gewissen Charme und kurbeln seine Fantasie an. Vielleicht hat sich Shimokawa bei seinen Comics einfach nur der falschen Zielgruppe gewidmet.

Auch Kenichi hat mit den Hürden des Alltags zu kämpfen. Er lebt mit seiner Mutter in einer winzigen Wohnung. Tagtäglich muss er seine Mutter wie ein Sklave versorgen und ihre Beschwerden über sich ergehen lassen. So oft wie möglich hält sie ihm vor, wie schwer sie es mit ihm hatte und wie viel Arbeit er ihr als Kind gemacht hätte. Doch wenn er auch nur einen Fuß vor die Tür setzt, um beispielsweise zur Arbeit zu gehen, bekommt seine Mutter Panik, allein gelassen zu werden. Ständig fleht sie ihn an zu bleiben und sie nicht zu verlassen. Doch Kenichi hat auch ein eigenes Leben. Zu gerne würde er mit seiner Freundin zusammenziehen. Doch er traut sich nicht mal, sie mit zu sich nach Haus zu nehmen. Seine Mutter hat er ihr nie vorgestellt.

Als Kenichi eines Tages aber einen Zeitungsartikel liest, der von einer alten Frau handelt, die einsam und allein in ihrer Wohnung gestorben ist und erst zwei Wochen später tot aufgefunden wurde, kommt ihm ein vielversprechender Gedanke! Er muss seine Mutter irgendwo weit weg in eine eigene Wohnung ausquartieren. Ohne seine Fürsorge würde das Problem sicher schon bald gelöst sein.

Ähnlich wie die beschrieben Geschichten haben auch die anderen Protagonisten mit ihrem Alltag zu kämpfen.

Ein ehemalige Sträfling kann sich nur schwer wieder in die Gesellschaft eingliedern, ein Mann lässt sich aus Liebe zu seiner Frau wie einen Hund behandeln, ein Vergewaltigungsopfer flieht mit seiner Familie von Ort zu Ort um seinem Peiniger zu entfliehen, Ein Mann hat mit seiner Erinnerung und der damit verbunden Phobie vor Sex zu kämpfen, Ein weiterer Mann erleidet im Arbeits-, Privat- und Liebesleben harte Schicksalsschläge, Die Diagnose von Diabetes lässt einen Mann seine Sterblichkeit klar werden, wodurch er seinen Verfall durchs Rückwärtslaufen entgegenwirken möchte, und viele weitere Geschichten.

Eigene Meinung
„Geliebter Affe und andere Offenbarungen“ richtet sich in erster Linie an das erwachsen Publikum.

Yoshihiro Tatsumi gilt als der Begründer des Gekiga-Stils, der sich durch reife Zeichnungen und Geschichten vom Mangamarkt abhebt und den Gegensatz zu den niedlichen Vertretern bildet. Wahrlich ist auch „Geliebter Affe…“ keine leichte Kost. Auf 320 Seiten sind verschiedene Handlungen thematisiert, die teilweise die Kehrseite der menschlichen Gesellschaft darstellen. Gewalt und Perversion stehen vielfach im Mittelpunkt und bilden den roten Faden zwischen den einzelnen Geschichten. Ein Happy End ist zudem eher selten. Häufig sind die Wendungen schockierend und wirken befremdlich. Die einzelnen Schritte und Gedanken der jeweiligen Protagonisten , sowie deren Antrieb für bestimmte Handlungen, sind für den Leser oftmals nur schwer nachzuvollziehen.

Yoshihiro Tatsumi legt bei seinen Zeichnungen hohen Wert auf detailgetreue und realitätsnahe Darstellungen. Die einzelnen Seiten werden dunkel, einfach und schlicht gehalten. Häufig wirken verschiedene Charaktere nahezu identisch. Die Übersicht ist dann nur schwer zu behalten. Betrachtet man aber die aufwändigen Hintergründe und Umgebungen, wird einem Tatsumis Zeichentalent schlagartig bewusst.

Insgesamt sind leider nur wenige Geschichten dieses Sammelbandes wirklich fesselnd und verständlich. Die Pointe der Geschichten sind nicht immer eindeutig, sodass der Abschluss manchmal sehr abrupt und unvollendet wirkt. Einzelne Kurzgeschichten hingegen sind fesselnd und können sogar mit Überraschungen überzeugen. Es ist ein Werk, dass zum Nachdenken über sich und seine Mitmenschen anregt.

Sicherlich ist „Geliebter Affe…“ nicht jedermanns Geschmack. Man sollte dafür eine Affinität für anspruchsvolle Lektüre und tiefgründige Gedankengänge haben.

© Izumi Mikage

Kuroi Fubuki: © 2003 Yoshihiro Tatsumi, Daihakken/Carlsen

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Gegen den Strom

Name: Gegen den Strom
Englischer Name: A drifting Life
Originaltitel: Gekiga Hyōryū
Herausgebracht: Japan: Seirinkogeisha 2008
Deutschland: Carlsen 2012
Mangaka: Yoshihiro Tatsumi
Bände: Einzelband
Preis pro Band: 44,00 €

Gegen den StromStory:
Der junge Hiroshi Katsumi ist 10 Jahre alt, als das Ende des zweiten Weltkrieges ausgerufen wird und für Japan eine Zeit des Wiederaufbaus und der wirtschaftlichen Krisen beginnt. Vier Jahre später hält sein Vater die Familie finanziell nur mühsam über Wasser, während Hiroshi und sein gesundheitlich angeschlagener Bruder Shoichi kleine Mangastrips auf Postkarten zeichnen und diese an das Magazin „Manga Shonen“ schicken. Damit legen beide den Grundstein für ihren steinigen Weg innerhalb der boomenden Mangaindustrie. Gerade Hiroshi gelingen nach und nach kleiner Erfolge, insbesondere als er sein großes Vorbild Osamu Tezuka kennenlernt und schließlich Stammzeichner des kleinen Provinzverlages Hinomaru wird, der vorwiegend Mangas für Leihbuchhändler anfertigt.

Schon bald reift in Hiroshi die Idee, einen gänzlich neuen Stil zu prägen und sich von den damals üblichen Kindermangas zu distanzieren. Mit einigen Kollegen, die ihn auch später über Jahre hinweg begleiten, ruft er das Kunzegeschichten – Magazin „Kage“ ins Leben, das für den Hinomaru Verlag mit der Zeit zu einem ungeahnten Verkaufsschlager wird. Seine Popularität steigt, er arbeitet für unterschiedliche Verlage, entwirft ungewöhnliche, erwachsene Geschichten und ist immer auf der Suche nach einem gänzlich neuem Erzählstil, den er später den Begriff „Gekiga“ gibt. Doch es gestaltet sich als zunehmend schwierig die neue Mangaform zu etablieren, denn schon bald ist sein Zeichenstil im sich rasant entwickelnden Mangaboom eher antiquiert und veraltet …

Eigene Meinung:
Zwölf Jahre arbeitete Yoshihiro Tatsumi an der einzigartigen, 850-seitigen Biografie „Gegen den Strom und entführt den Leser in 48 Kapitel in ein Japan der Nachkriegszeit. Der Manga erschien zunächst in zwei Bänden, später als großer Sammelband u.a. in den USA, Kanada, Frankreich und Spanien und war so erfolgreich, dass 2011 ein animierter Film unter dem Titel „Tatsumi“ in Singapore erschien. Zudem erhielt Yoshihiro Tatsumi für sein Lebenswerk 2010 zwei „Eisner Awards“ und wurde 2012 auf dem Internationalen Comicfestival in Angoulême mit dem Prix Ragards Sur Le Monde ausgezeichnet.

Mit viel Liebe zum Detail schildert der Autor die historischen Hintergründe der Nachkriegszeit Japans und spickt die Erzählung mit persönlichen Anekdoten und Ereignissen, die die Zeit noch lebendiger und dreidimensionaler machen. Man taucht direkt in die Welt des beginnenden Mangabooms ab, erfährt wie schwierig es damals für Zeichner war, Fuß zu fassen und gegen welche Vorurteile die Künstler damals zu kämpfen hatten. Insbesondere das System der Leihbuchhandlungen ist für den westlichen Leser etwas gänzlich Unbekanntes, war es doch damals üblich dort für einen geringen Stundenbetrag Bücher zu lesen und waren viele Mangakas bei Verlagen, die diese Buchhandungen mit Magazinen und Büchern bedienten.

Yoshihiro Tatsumi gelingt ein einzigartiges und informatives Zeitcolorit, das sich auch nach dem Lesen im Gedächtnis festsetzt und zum Nachdenken anregt. Er gibt seinen persönlichen Erfahrungen immer wieder einen festen Rahmen, in dem er die wichtigsten Ereignisse der Jahre auf 2-3 Seiten festhält und spannende Hintergrundinformationen preisgibt. Seien es die ersten Fernsehgeräte, bekannte Kinofilme oder Bücher von Shakespeare oder Dumas – die Graphic Novel bietet einen guten Einblick in die Zeit ohne sich rein auf den Mangamarkt zu konzentrieren.

Zumeist steht die Figur Hiroshi Katsumi im Vordergrund – der Leser erlebt durch ihn Yoshihiro Tatsumis Leben, das beständige Auf und Ab seiner Suche nach einer neuen Stilrichtungen und den damit verbundenen Schwierigkeiten. Hiroshi ist interessant und man kann sich gut in seine Gedanken – und Gefühlswelt hineinversetzen.

Zeichnerisch ist Gegen den Strom“ eher schlicht und einfach gehalten. Yoshihiro Tatsumi hat einen ganz eigenen, antiquierten und sehr klaren Stil, der weitestgehend auf Details verzichtet. Hin und wieder wirken die Zeichnungen ein wenig dahingeschludert, doch das gibt sich rasch wieder. Auch Rasterfolie kommt selten zum Einsatz, da Yoshihiro Tatsumi lieber mit schwarz/weiß Flächen arbeitet oder Schraffuren einsetzt, wobei diese nur selten zu finden sind. Stattdessen konzentriert er sich auf die einzelnen Szenen, ausgearbeitete Hintergründe, um seinen Figuren einen passenden Rahmen zu gaben und die Geschichte, die er erzählen will. Daher legt er viel Wert auf den Text und die Dialoge.

Die Aufmachung des Buches ist Carlsen wirklich gelungen. Der Hardcoverband wirkt edel und bietet ein langanhaltenes Lesevergnügen. Aufgrund des Umfanges wiegt die Graphic Novel einiges, so dass sie sowohl vom Format, als auch vom Inhalt her nichts für Zwischendurch ist. Man sollte sich schon einen Tag Zeit nehmen, um die Kapitel in Ruhe zu lesen, um die Wirkung des Mangas genießen zu können.

Insgesamt ist „Gegen den Strom“ ein weundervolles, tiefgründiges und unterhaltsames Meisterwerk, das den Leser in eine spannende und rasant wachsende historische Epoche des Mangamarktes entführt. Auf 850 Seiten und mit sehr klaren, einfachen Bildern erzählt Yoshihiro Tatsumis von seinem Leben und Schaffen und bietet erwachsenen Mangafans einen ungeahnten Einblick in die Anfänge des Mangabooms und die damaligen Verhältnisse. Wer schon immer erfahren wollte, wie sich der japanische Mangamarkt nach dem zweiten Weltkrieg entwickelt hat, der sollte sich diese Graphic Novel nicht entgehen lassen. Sie ist ein Fundus an Informationen, wissenswerten Details und überaus interessanten Anekdoten. Sehr zu empfehlen.

© Koriko

Gekiga Hyōryū: © 2008 Yoshihiro Tatsumi, Seirinkogeisha/Carlsen

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